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Ein Corona bedingtes Abenteuer: Salonmusik

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peerceval Profilseite von peerceval, 31.08.2020, 15:36:35
Ein Corona bedingtes Abenteuer: Salonmusik

Ein Corona bedingtes Abenteuer: Salonmusik

salonorchestraÜblicherweise bin ich die letzten Jahre in eine der sommerlichen Wochen der Werkgemeinschaft Musik gefahren. Doch dann kam unsere Freundin Corona - unerbittlich, wie es ihre Art ist: alles wurde abgesagt. Ab Juni hatte ich mich nach Alternativen umgesehen. Viele gab es nicht. Und so bin ich zum ersten Mal bei Musica-Viva gelandet, bei Salonmusik.

Nun, es wird ein kleines Orchester sein, mit 3 Geigen, 2 Flöten, 1 Klarinette, 1 Akkordeon und einem Klavier. Das - rede ich mir beruhigend zu - passt zum Stil und zum gebotenen Abstand. Ob sich die lange Fahrt nach Südtirol und der doch recht teure Kurs wirklich lohnt, bleibt vorerst offen. Ich bin etwas skeptisch: Vom-Blatt-Spiel ist nun wirklich nicht meins (wir müssen sogar Notenpapier mitbringen), und der Musikstil ist mir auch eher fremd (obwohl z.B. diese Stadtmusikatzen-Version ganz witzig ist). Allerdings steht der Kurs oft auf dem Musica-Viva Program. Und geleitet wird er vom Salonlöwen Georg Huber. Da sollte das nicht nur ein bloßer Versuch werden.

Heute habe ich jedenfalls den Restbetrag überwiesen. Es wird also ernst. Am 3. Oktober geht es los. Und es wird für mich etwas ganz Neues: ein neuer Reiseveranstalter, ein neues Sujet, unbekannte Mitspieler, eine neue Leitung, ein neuer Corona geprägter Probenstil. Da dachte ich mir, dass ich Euch wieder einmal je zwischendurch berichte. Vielleicht werdet ihr ja auch irgendwann einmal damit liebäugeln. Und wenn die eine oder andere das oder Ähnliches schon einmal gemacht hat, könnte sie oder er mir ja vorab beruhigende Ratschläge geben.

Tigerente Profilseite von Tigerente, 02.09.2020, 17:17:08

Hallo peerceval,

 

ich finde, das klingt ziemlich spannend, mal was anderes! Ich freue mich schon auf deine Berichterstattung. :)

 

Beste Grüße

Nuuska Profilseite von Nuuska, 05.09.2020, 22:39:09
Peerceval, du bist die Rettung! Endlich mal wieder ein interessanter Beitrag...!
peerceval Profilseite von peerceval, 17.09.2020, 23:19:59

Ein erster Zwischenbericht: Das liebe Geld

Ich hatte ja gesagt, ich würde Euch über den Salonorchesterkurs Rede und Antwort stehen, falls Ihr selbst so etwas mal ausprobieren wollt. Über Geld spricht man nicht, auch wenn es heißt Pecunia non oleat. Ich werde es trotzdem tun Denn nach der ersten Sichtung - viele Möglichkeiten gab es ja heuer nicht - hat mich die eine Frage besonders umgetrieben Was kostet der Spaß?

Die Kursgebühr beträgt 1070,–. Darin enthalten sind die Unterbringung im Einzelzimmer für 7 Übernachtungen mit Halbpension und der Musikkurs. Meine Bahnreise von Frankfurt nach Goldrain/Italien kostet mich 210,– (Bahncard First 50). Die Halbpension deckt nur 2/3 ab, also schlage ich nochmal 30,– pro Tag =210,– drauf. Außerdem habe ich mir Corona bedingt eine Reiserücktritts- und -abbruchversicherung von 70,– ‘gegönnt’. So sollte ich aufgerundet auf 1600,– insgesamt kommen. Das ist für eine Woche ’ne ganze Menge Holz! Die Summe hat mich arg schlucken lassen.

Wenn ich es zurückrechne, schlüsselt es sich aber valide auf: Nehme ich mal die Hotelkostengrenze meiner Firma als Maßstab, läge ich dort bei 7*80,-- = 560,-- für Übernachtung und Frühstück. Stelle ich für den anderen Teil der Halbpension nochmal 7*10,-- = 70,-- in Rechnung, bliebe für den reinen Musikkurs 440,-- übrig. Der Kurs umfasst 5 Unterrichtstage mit je 6 Stunden, also 30 Unterrichtstunden. Das ergibt netto eine Unterrichtsgebühr von ca. 12,50,--/Stunde. Das finde ich nicht unangemessen. Kino wäre vielleicht teurer, Geigenunterricht bestimmt. Ich habe also nicht das Gefühl, dass sich MusikaViva hier an mir bereichert.

Trotzdem steckt darin natürlich ein wenig Schönfärberei: Brutto komme ich auf einen Preis von 1600,--/30 = 54,-- pro Unterrichtsstunde:  eine echte Hausnummer. Nun: ‘ich habe dieses Jahr Corona bedingt auf einiges verzichtet’ - pfeife ich mir damit im Wald der dunklen Realität Mut zu.

In den letzten Tagen sind Noten gekommen. Davon aber erst nächste Woche mehr. Die muss ich mir noch genauer ansehen. Kennt jemand von Euch den Komponisten Wolfgang Zinke ?

 

Happy Fiddling P.

peerceval Profilseite von peerceval, 24.09.2020, 23:07:23

Ein zweiter Zwischenbericht: Noten für einen schlechten vom Blattspieler

Wie zuletzt gesagt, sind die Noten nun da. Den anderen hatte Georg Huber geschrieben, er verteile bei den langen Kursen die Noten nicht vorab, denn man fände vor Ort immer einen Moment, das wenige zu üben, was geübt werden müsse. Ich bekam sie trotzdem. Denn ich mich ja schon bei der Anmeldung als bekennender 'Vom-Blatt-Spiel-Ignorant' geoutet. Es war schön zu erleben, dass das von MusicaViva ohne weiteres Drängeln aufgenommen worden ist. Eine gute erste Kurs-Erfahrung.

Die Kursbeschreibung setzt ein "fortgeschrittenes Niveau auf dem jeweiligen Instrument", "solide Notenkenntnisse (Blattspielerfahrung)" und "vieljährige Erfahrung im Zusammenspiel" voraus. Ich wurde der 1. Geige zu gerechnet. Das passt schon. Denn ich habe ja vor zwei Jahren entschieden "nie wieder 2." Ab einem gewissen Alter hat man eben ein Recht auf schönen Melodien.

Was also wird es? Und wie schwer ist das? Käme das für Euch infrage?

Wir werden ein Potpourri 'von' Paul Linke spielen, den Loewe Schlager 'Ich hätt' getanzt heut nacht', "Black Bottom" von Ray Henderson, und - jeweils von Wolfgang Zinke - die 'Lichtenthaler Allee' und den 'Tanz der Mummelseenixen'.

Das Linke-Mischmasch enthält auch 'Ohrenaufreißer', die sogar ich kenne, z.B. 'das macht die Berliner Luft' oder 'Schlösser, die im Monde liegen'. (Hoffentlich finde die 'flimmernden Glühwürmchen' auch noch). Das ist cool. Wenn schon Salonmusik, dann auch schlaflose Nächte, weil man die Ohrwürmer nicht mehr los wird. Technisch ist es jedenfalls nicht kompliziert. Nur Üben kann ich es nicht. Wie übt man eine Ansammlung von Stellen, die auch erst noch verteilt werden. Wie schrieb Georg so nett: Ich solle nicht enttäuscht sein, wenn ich längst nicht alles spielen dürfe. Wir müssten vor Ort feststellen, was bei welcher Nummer am besten klinge. Alles gut. Ich mache also nur ein paar Fingersätze und lasse den Rest kommen, wie er will.

Der 'Konjunktivische Nachttanz' bewegt sich technisch auch nicht auf so hohem Niveau, alles solide in 3. und 1. Lage - mit einem kleinen Ausreißer in die 4.

Klicken zum VergrößernAnders dagegen der 'Schwarze Boden', wie Google 'Black Bottom' übersetzt. Die Noten waren im Ausdruck so durchsichtig schimmernd, dass ich sie mir mit Frescobaldi und Lilypond selbst noch einmal setzen musste. Und erst im zweiten Anlauf wurde mir klar, dass es am Besten in der 4. Lage geht. Nun gut, trotz Synkopen und Tempo sollte das gehen. (Der letzte Brahms im Orchester war schwerer - ist dafür aber auch Corona bedingt gestrichen worden.)

Auch die Stücke von Zinke musste ich mir neu setzen. Damit wir uns nicht missverstehen: andere wären mit den Ausdrücken wohl gut klargekommen. Das war keine schlechter Service. Ich kriege nur eben noch mehr Stress, wenn ich nicht gut sehe, was ich bei der Besetzung ja irgendwie 'alleine' zu spielen habe. Technisch liegt es auf demselben Niveau wir 'Black Bottom'.

Interessent ist, dass es über den Komponisten keine Infos gibt (Ich lasse mich gern eines Besseren belehren: jeder Hinweis ist willkommen). Wikipedia weiß - Stand heute - nichts von einem 'Wolfgang Zinke'. Und was Youtube offeriert, passt auch nicht, insbesondere der "Tanz der Mummelseenixen" klingt nicht wirklich wie das, was ich in den Noten sehe. Hier wird es also auch musik-philologisch  spannend. Ich werde Euch auf dem Laufenden halten.

Was also soll ich zum Niveau sagen? Der Kurs ist nicht für Anfänger, das ist klar. Aber man braucht auch kein Mozart-Konzert gespielt zu haben, um an einem solchen Kurs teilzunehmen. Wer die 2. und 4. Lage und B- und Es-Dur nicht scheut, dürfte klarkommen. Jedenfalls bin ich mir sicher, dass Ihr und Eure Mankos ebenso fürsorglich betreut werden würdet, wir es bei mir und für meine geschehen ist.

Technisch fordern die Sachen mich nur bedingt, was kein Nachteil sei, wie meine Frau betont: Denn so könne ich doch endlich mal entspannt anreisen, anstatt - wie bisher - Wochen vorher panisch zu üben (wobei es ja auch bisher noch nie passend zu meiner Panik gekommen sei). Und außerdem sei mein eigentliches Manko doch meine Aufregung. In so einer Truppe sei es doch gar nicht möglich, sich zu verstecken oder durchzuschludern. Also könne ich doch genau da ansetzen: Ich könne doch das Abrufen des Könnens üben.

Es ist gut, wenn man eine kluge Frau hat. So mache ich das.

Happy Fiddling P.

peerceval Profilseite von peerceval, 02.10.2020, 23:41:04

Dann einige Reise-Salon-Schlag(er)lichter:

 

Klicken zum VergrößernUnd die Frau sagt noch: sei kein Esel, es ist nur für eine Woche! Aber egal: am 3.10 ist am Bahnhof eh genug Platz, besonders um 05:54Klicken zum Vergrößern.

 

Klicken zum VergrößernCoronamaßig ist das ein vielversprechender Beginn - mal sehen, wie lange das hält. Zeit und Gelegenheit jedenfalls, die wichtigsten Utensilien herauszuholen - morgens, um 05:54: Klicken zum Vergrößern

 

Klicken zum VergrößernDas lässt sich als Mund-Nasen-Augen-Maske  ausarbeiten. Aber nun ab München weiter mit der ÖBB, sympathisch avisiert mit Ersatzgastronomie, weil's in Italien ganz verboten ist. Und mit einer Regelung des Ein- und Aussteigens: Klicken zum Vergrößern

 

Klicken zum VergrößernAb dem Brenner dann: Regen, Regen, Regen! Und immer wieder die schöne Ansage, wir mögen doch bitte "die soziale Distanzierung" einhalten. So schön, wie das Wort 'Stumpfgleis' in Bozen. Ansonsten: Regen, Regen, Regen. Nur auf der letzten Strecke brach die Sonne dann doch durch. Die ganze Zeit wollte ich das Wortspiel 'Gold-Rain' unterbringen. Und dann war's doch nix mehr damit.Klicken zum Vergrößern

Klicken zum VergrößernWas also soll ich insgesamt sagen: Die Reise war reibungslos. Von der Zeit und von Corona her, besonders die Italiener waren sorgsam. Kann man gut also machen so - wenn man von 12 Stunden Bahnfahrt aushält. Zur allerletzten Strecke zum Schloss aber zwei Hinweise für Bahnis wie mich: Bloß keine Stöckelschuhe für diesen Weg (vermute ich mal). Aber einen Koffer mit stabilen Rollen (weiß ich jetzt).

Morgen dann mehr zu den ersten Sessions: jam ja biie da bim da biie da jam (Wer erkennt's?).... Und immer dran denken: was hatte die Frau heute Morgen noch gesagt: Lass Dich einfach drauf ein. Du weißt ja, sonst wird es bei Dir eng. Let it flow! (Ist das nicht auch ein Salonschlager, passend zur Vorweihnachtszeit: Let it flow, let it flow, let it flow ... )

 

peerceval Profilseite von peerceval, 04.10.2020, 21:44:27

Ein dritter Zwischenbericht in Sachen unanständiger Musik

Jetzt - nach meinen ersten 24 Stunden Salonmusik - will ich meiner Begeisterung mal freien Lauf lassen:

Klicken zum VergrößernDiese Musik ist einfach berauschend subversiv: 'Du bist das süßestes Mädchen der Welt',  'Ich bin Dein Nachgespenst' oder 'Das gibt's nur einmal' - solche Musik ist schlicht unanständig. So 'was' darf man nicht gut mögen. Es ist igittit. Wer so 'was spielt, ist ein Kretin. Und was reizt am meisten? Genau: das Verbotene. Das Anrüchige - zumal, wenn es einem so schöne Ohrwürmer einpflanzt: 'Ich hab getanzt heut Nacht'

Sodann ist die Musik ja auch technisch leichter, selbst dort, wo sie schwerer ist. Du hörst voraus, wie es kommt: - manchmal, weil es so 'banal' ist, manchmal, weil Du es irgendwie schon kennst: 'Schenk mir doch ein bisschen Liebe, Liebe' ... Das verführt zum Mitspielen. Und dabei kannst Du Dich sogar musikalisch-technisch ausreizen.
Klicken zum Vergrößern

Außerdem wird die Musik skrupellos umbesetzt, je nach Klang und Vermögen der Spieler - und Lust des Leiters. Diese Methode heißt letztlich alle willkommen: keine Horror-Ich-Fuddele-mich-durch-Stellen. Es wird passend gemacht. Und so fühlt man sich auch: passend und willkommen.

Schließlich ist es (vielleicht) das Mittel gegen Lampenfieber. Du kannst Dich wirklich nicht verstecken. Da ist es dann schnell egal. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mit dieser 'solistischen Dauerherausforderung' so gut klarkommen. Und so ist Salonmusik wohl auch ein guter Einstieg für Kammermusik. Man muss hören und spielen - unter erleichterten Bedingungen.

Klicken zum VergrößernBliebe nun noch zu erläutern, was Euch die Bilder sagen sollen: Das erste zeigt den Raum. Coronamäßig geht es gut, die Regeln kann man mit etwas Sorgfalt gut einhalten. Und das dritte zeigt die Auswirkungen, wenn man sich an die darin enthaltenen Lüftungsvorgaben hält.

Morgen dann mal mehr übers Essen, übers Haus und über den grundsätzlich Ablauf - bevor ich was spezielleres über die Musik und die Mitspieler sage. Scheut Euch aber nicht, nach dem zu fragen, was Ihr wissen wollt.

peerceval Profilseite von peerceval, 05.10.2020, 22:11:35

Ein vierter unanständiger Zwischenbericht

Diesmal übers Schloss? Übers Essen? Ach was interessiert mich mein Geschwätz von gestern - lieber doch noch einmal über unanständig schöne Musik:

Heute morgen haben wir 'Drunt in der Lobau' von Heinreich Strecker auf's Pult bekommen. Zum Dahinschmelzen schön! Wer noch nicht ahnt, was ich meine, wenn ich sage, dass diese Musik anrüchig ist, möge sich mal diese Version anhören. In welchen Kreisen wir uns damit bewegen, erkennt man auch daran, dass es sogar eine Version von Peter Alexander gibt.

Klicken zum VergrößernDas Besondere an diesem Morgen war aber nicht die Musik selbst. Vielmehr hat uns der Leiter - Georg Huber (ich darf ihn mit seinem Einverständnis mal zeigen) - daran richtig ausprobieren lassen, dass solche Musik, spielt man sie geradeaus, nicht wirkt. Gibt man aber die minimalen Verzögerungen, Verspätungen und 'Beschleunigungen' hinzu, beginnt sie zu leben. Klicken zum VergrößernHier mal ein Ausschnitt mit den angewendeten 'Vortragsbezeichnungen', die man realiter nicht einträgt, weil sie zu subtil sind und weil sie - eingetragen - viel zu stark wirken. Man 'lebt' sie aber im kleinen und muss dazu auf genauere Weise auf die Mitspieler hören, als bei klassischer Musik. Und genau diese 'agogischen Freiheiten' machen die Musik so unanständig:so unanständig schön.

Das was aber noch nicht alles: Georg hat uns dann nämlich aus einer Barocksuite von Friedrich Bach das Menuett spielen lassen. Ja, genau: etwas von diesem entsetzlich dürren toten Barockgezirpe. Nur hat er uns darauf dieselben 'Salonmusik-Techniken' anwenden lassen: Und siehe da: auf einmal wurden das beschwingte Tänze, die auch heute noch die Lust bereiteten, die sie damals empfunden haben müssen, so genusssüchtig, wie sie im Barock gewesen sind. Eine geniale Idee.

peerceval Profilseite von peerceval, 07.10.2020, 22:57:45

Ein fünfter ermatteter Zwischenbericht

Nun habe ich doch glatt einen Tag ausgesetzt. Sorry, ich war einfach zu 'fertisch' gestern. Darum nun der Nachgang:

Klicken zum VergrößernIch kenne das von den WGM Wochen. Irgendwann wird die alte Projektweisheit sichtbar, dass sich Teams immer über 'Forming', 'Storming', 'Norming' und 'Performing' bilden. Man kann dir Phasen nicht überspringen. Gestern war nun Storming angesagt, ein Krumpeltag. Irgendwie eckte jeder mit jedem an, und viele auch bei sich: Absprachen der nächsten Stellen mündeten in die Frage des eifrigen Pianisten 'Und wo spielen wir jetzt'? Die schöne Cellistin setzte von sich aus bei ein paar Stellen aus, weil ja das elektronische Akkordeon eh viel zu laut sei. Die lustige italienisch tirolerische Klarinette spielte weniger keck. Die zweiten Geigen verlangten mehr Führung der ersten. Die ersten verwiesen auf Georg. Die Stimmführerin meinte, ich spiele die eine Stelle schief, ich meinte, nö. Der nette Akkordeonist saß immer noch in seiner Ecke, erwähnte aber gelegentlich, dass er durchaus auch sein analoges Gerät hätte mitnehmen können. Georg wollte mehr Einsatz. Und die Flötistin schaute still und stumm, in der ganzen Runde rum.

Nun denn: heute war dafür Ruhetag. Man war in Meran, Bozen oder im Bett. Doch auf Wunsch des Leiters entschied die vom Tag ermattete Gruppe doch noch, heute Abend eine Sonderschicht einzulegen, der Walzer habe es nötig (hatte er auch), nur ein Stündchen, oder so. Hmmm.

Der Hintergrund ist einfach erklärt: Zum Abschlusskonzert im Musica-Viva-Stil (die Begleiterinnen (Männer sind mitgemeint) hören zu) kommt hier am Freitag - unter Einhaltung der Coronaregeln - noch eine überraschend eintreffende Pilgergruppe dazu. Ich bin mir aber ganz sicher, dass wir über 'Norming' (morgen?) zum 'Performing' kommen.

peerceval Profilseite von peerceval, 08.10.2020, 22:55:31

Ein sechster situativer Zwischenbericht

Heute nun ein wenig Formales. Denn es wird Euch ja auch interessieren, wie es außermusikalisch zugeht.

Klicken zum VergrößernDas Schloss gehört zum italienischen Tirol - oder wie immer man das politisch korrekt ausdrückt. Die Umgebung hat wirklich etwas Berauschendes: Goldrain liegt in einem Tal umgeben von schneebedeckten Bergen, Klicken zum Vergrößernnahe der Wolken, aber nicht in einer Weingegend, sondern in einem Obstanbaugebiet. Ich habe selbst noch äußerst schmackhafte Äpfel gepflückt bzw. aufgehoben und gegessen. Eines darf man also sagen: für Begleiter mit Wanderlust ist dies ein idealer Kursort.

Klicken zum Vergrößern

Klicken zum VergrößernDas 'Tagungshaus' ist tatsächlich ein Schloss. Geprobt wird in den mittelalterlichen Gesellschaftsräumen, zu denen ausgetretene Steinstufen führen. Alles sehr anheimelnd. Untergebracht sind die Teilnehmer in einem modernen Anbau. Mein Einzelzimmer war allerdings ein kleiner Kulturschock. So schmal, kein Teppich und kleinem Bad - Irgendwie hatte ich mit einem Hotelstandard gerechnet. Hier aber sind die Zimmer eher jugendherberglich. Das Problem dabei waren natürlich meine Erwartungen. Wie sagt die Frau: Wenn Du Dir was vorstellst, wird es bei Dir eng. Dabei ist das Zimmer in Wirklichkeit sauber und ruhig, wird regelmäßig gereinigt. Und selbst ich konnte all meine Sachen wohnlich unterbringen. Der Frau konnte ich also stolz sagen, ich sei jetzt Tiny-Haus fähig.

Klicken zum VergrößernDer Tagesablauf folgt dem MusicaViva-Standard: geprobt wird an 5 Tagen je morgens und nachmittags 3 Stunden, unterbrochen von einem freien Tag.

Bliebe das Essen: Halbpension bedeutet Frühstück und Abendessen. Zusätzlich kann man tageweise ein Klicken zum VergrößernMittagessen bestellen. Das Frühstückbuffet ist gesund und schmackhaft, aber etwas 'fokussiert'. Abends kann man zwischen zwei Menüs wählen: eins mit Fleisch, eins ohne. Immer gibt es Salat, eine Suppe, ein Hauptgericht und ein Dessert. Alles meistens recht schmackhaft, gelegentlich herausragend.Klicken zum Vergrößern

Habe ich also das Gefühl, das Preis-Leistung-Verhältnis stimmt? Nun, schieben wir die Beantwortung auf bis zum Schlussresumee.

Klicken zum Vergrößern

peerceval Profilseite von peerceval, 10.10.2020, 17:30:13

Und der Abschlussbericht

Klicken zum VergrößernNun sitze ich wieder auf dem Bozener Bahnhof, schaue wieder auf das wunderbare Wort ‘Stumpfgleis’ und schreibe meinen Abschlussbericht:

Ein wenig noch über die Teilnehmer: Ja, es war eher eine seniore Gruppe. Mag sein, dass das bei MusicaViva öfters so ist. Was aber immer so sei - heißt es, sei das vermischte Niveau. Hier eine tolle Flöte, eine sehr gute Klarinette, ein beeindruckender Akkordeonist und gute erste Geigen. Daneben aber auch andere, die zum ersten Mal mit anderen zusammengespielt haben oder die zum ersten Mal dieser Musik begegnet sind. Trotzdem waren die Integration überhaupt kein Thema. Wenn ich nur eins herausheben sollte, dann wäre es diese Art eines emphatischen Zusammen-Spiels.

Gestern gab es dann - nach den üblichen Tagesproben - das frühabendliche ‘Werkstattkonzert’. Das Wort trifft es. Amateure zeigten ihren Begleitern und einigen aus dem Schlosspersonal und der Pligergruppe den erarbeiteten Stand. Mit 20 Zuhörern und 10 Musikanten war der Raum unter Einhaltung der Coranaregeln gut gefüllt, mehr wäre nicht möglich gewesen, dies aber gut.

Natürlich lag eine gewissen Aufregung in der Luft. Die schöne Cellistin genoss das, wie sie sagte - ich eher nicht. Unser Ear-Opener ‘Ich hätt getanzt heut nacht’ floss nicht ganz so euphorisch, wie Eliza Doolittles Nacht gewesen sein muss. Und die Linzer-Torte - ein Walzer von Ernst Fischer - hätte vielleicht auch noch etwas reifen können: Ein kniffliges Stück, das mir immer mehr ans Herz gewachsen ist. Aber aus dem vielen anderen - 1 Stunde dauerte es - bleibt mein persönlicher Liebling doch ‘Drunt in der Lobau’ - ssooo schööön

Klicken zum VergrößernDie Gruppe war danach zufrieden, die Leichtigkeit greifbar.

20202010-Goldrain-HuberStopUnd was sage ich zum Ganzen? Nun, ich habe selten eine Probesession erlebt, in der die Musik in Sachen Agogik, Dynamik und Artikulation so gründlich durchgearbeitet worden ist. Das ist ein echter Schatz und eine Leistung des Leiters, Georg Huber. Persönlich habe ich während der Proben noch nie so lebendig, so präsent und gleichzeitig so gelassen spielen können. Das war der Musik geschuldet - und den Mitspielern.

Seit gestern Abend hat mich aber doch noch eine gewisse Traurigkeit erfasst. Zum einen, weil die Woche zu Ende ist. OK. Zum anderen, weil ich mich des Lampenfiebers wegen wieder habe nicht abrufen können. Gar nicht OK. Es tröstet mich nur halb, wenn ich mir sage, dass es besser geworden sei und dass ich mich aus den Zitteranfällen des habe herausholen können. Ich hätte das Probenfeeling halt gern auch im Konzert gehabt und die Erwartungen eingelöst. Schade.

Ob ich diesen Kurs noch einmal mache? Nun, vielleicht ziele ich erst einmal auf den MusicaViva-Kurs ‘Lampenfieber’. Ob ich unseren Kurs dagegen anderen empfehlen würde? Ohne Einschränkungen: ja! Es ist ein toller Einstieg in die Kammermusik, eine gute Möglichkeit, aus dem Schatten des Kollektivs herauszutreten. Und es ist einfach sympathisch gemacht, in einer wunderschönen Gegend.

Onesap Profilseite von Onesap, 20.10.2020, 19:13:17

 

 

auf dem link sieht man die Geige Violine würde gerne wissen was die wert ist 
 

 

 

ich konnte irgendwie die Bilder nicht hochladen 


https://www.ebay.de/itm/392975983364 danke im Voraus 

 

 

 


 

 

Neuester Beitrag Nuuska Profilseite von Nuuska, 20.10.2020, 20:22:31
... Und das ist in diesem Zusammenhang von Interesse, weil...?

 

Aber gut. Geschenkt. Mal sehen.

 

Der Raummeter Mischholz, gut getrocknet, wiegt etwa 550kg und kostet in guter Qualität etwa 60 Euro. Eine Violine wiegt ca. 450g. Der Marktwert fraglichen Instrumentes am Brennholz Markt beläuft sich somit auf knapp fünf Cent, aus Sicht des Endverbrauchers. Der Bogen schlägt natürlich extra zu Buche. Als Dekoobjekt am Trödelmarkt könnte für das gesamte Konvolut mit etwas Glück und Geduld möglicherweise sogar bis etwa das tausendfünfhundertfache meiner obigen Schätzung erzielt werden. Eine Kaufempfehlung würde ich dennoch nur bedingt aussprechen.

 

In der Hoffnung hiermit diese deplatzierte Frage zur Zufriedenheit beantwortet zu haben,

 

Der Nuuska.

 

P.S. Die versuchte Verwendung der Groß-Klein-Schreibung werte ich als Zeichen der Sorgfalt und damit der höflichen Wertschätzung gegenüber uns anderen Forumsmitgliedern. Dies stimmt mich geneigt, geflissentlich über meine üblichen Standards hinsichtlich der Verwendung von Satzzeichen, ganzer Sätze und anderer linguistischer Spitzfindigkeiten hinwegzusehen. Toi toi toi, sehr gut, weiter so! Das wird schon!
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