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Erbstück: Nikolaus Diehl Geige 1850 + 2 Bögen

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skyme Profilseite von skyme, 20.06.2018, 20:28:56
Erbstück: Nikolaus Diehl Geige 1850 + 2 Bögen

Hallo liebes Forum,

 

ich stehe gerade vor der Herausforderung, den Nachlass meiner Mutter zu verwalten, und dabei ist auch eine Geige aufgetaucht. Sie trägt im innern ein Schild von Nikolaus Diehl mit der Jahreszahl 1850. Leider fehlt der Steg.

Dazu gibt es 2 Bögen: Der Schönere (der erste auf den Bildern) trägt die Inschrift "TOURTE", bei abgeschraubtem Frosch zeigt sich keinerlei Markierung. Im Gegensatz dazu hat der Zweite Bogen eine Markierung "XI" unter dem Frosch.

Da ich keinerlei Ahnung von Streichinstrumenten habe fällt es mir schwer zu entscheiden ob es sich lohnt, die Geige einem Geigenbauer zur Schätzung vorzulegen. Hat jemand eine Meinung dazu und mag sie mit mir teilen?

Und wenn es so ist: Wo kann man damit in der Nähe von Hamburg hingehen?

Hier sind die Bilder:

OneDrive Bilder

 

Vielen Dank im voraus!

Norbert_V Profilseite von Norbert_V, 21.06.2018, 22:24:57

Hallo, die Geige erscheint mir nicht besonders wertvoll. Wahrscheinlich aus dem Vogtland. Der Zettel ist eine Fälschung. Es war dort leider gängige Praxis, die Geigen durch solche Zettel aufzuwerten. Die Geige ist bestimmt nicht von 1850, da passt der Zustand einfach nicht. Der Anschäfter der Schnecke ist auch nur vorgetäuscht.

Trotzdem kann es sich um ein gutes Anfängerinstrument handeln. Leider muss erstmal etwas Geld investiert werden, um das zu testen. Es fehlt der Steg. Beim Geigenbauer sind dafür ca. 80 EUR fällig. Die Saiten müssen auch ersetzt werden. Je nach Qualität ab 20 EUR. Unter Umständen ist der Stimmstock in der Geige umgekippt oder er fehlt. Vielleicht findet sich ja jemand, der diese Geige wieder spielfertig macht. Bei ebay wird sie wohl nicht mehr als 150 EUR bringen.

Zu den Bögen kann ich wenig beitragen. Das es ein echter TOURTE-Bogen scheint mir sehr unwahrscheinlich, zumindest passt der nicht im geringsten zur Geige.

Aber vielleicht doch mal mit Allem zum Geigenbauer gehen und den fragen. Der kann auch die Kosten für das Spielfertigmachen der Geige nennen.

Gruß Norbert

skyme Profilseite von skyme, 22.06.2018, 11:38:58

Hallo Norbert,

 

vielen dank für deine Einschätzung. Dass der Bogen kein echter Tourte ist, war mir klar - ich habe gelesen, dass seine Bögen niemals eine Kennzeichnung hatten. Der Stempel steht somit wohl eher für die Bauart.

Der Stimmstock sitzt noch an Ort und Stelle.

 

Darf ich rein aus Interesse mal fragen, was der "Anschäfter" der Schnecke ist?

 

Beste Grüße, Manfred

Norbert_V Profilseite von Norbert_V, 22.06.2018, 18:03:24

Hallo Manfred,

früher (ca. vor 1800) wurden Geigen mit einem kürzeren Hals und einem geringerem Wínkel des Halses gebaut. Dadurch war ihr Ton nicht so laut und tragend. Das war auch nicht weiter tragisch, da eigentlich nur vor einem kleinen Kreis gespielt wurde. Das gemeine Volk hatte dafür keine Zeit und kein Geld. Ab dem 19. Jahrhundert wurde das Publikum breiter und die Säle größer. Da brauchte man halt lautere Geigen für das Solospiel. Also wurden viele Geigen mit einem längeren und steiler stehenden Hals versehen. Da man aber die kunstvolle Schnecke der alten Meister wiederverwenden wollte, wurde diese auf den neuen Hals gesetzt. Also angeschäftet.

So ein Anschäfter kann natürlich auch ein Indiz für eine hochwertige, gute Geige sein. Das Anschäften kostet viel Geld und wurde eigentlich nur bei Geigen gemacht, die dieses Wert waren. Deshalb wurden diese Anschäfter halt auch mal "nachgemacht". Entweder nur als feine Linie aufgemalt oder auch eingeritzt. Erkennen kann man dieses daran, dass die Maserung des Holzes ohne Vesatz oder Sprung über die Linie hinweggeht.

Gruß Norbert

Nuuska Profilseite von Nuuska, 22.06.2018, 22:46:18
Also, eine hilfreiche und kompetente Seele für derartige Fälle in der Nähe von Hamburg würde mir da nach längerem angestrengtem Nachdenken schon einfallen. Versuch's doch mal in Ahrensburg bei einem gewissen Herrn Christian Adam. Und wenn Du mal nach links guckst auf Deinem Monitor / Display, dann weißt Du auch schon mal wie er aussieht...

 

skyme Profilseite von skyme, 25.06.2018, 11:02:43

Hallo Nuuska,

 

Schande auf mein Haupt - manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Danke für's aufmerksam machen.

 

Gruß, Manfred

skyme Profilseite von skyme, 25.06.2018, 11:01:22

Hallo Norbert,

 

vielen lieben Dank für die tolle Erklärung! Auch wenn ich mit Streichinstrumenten nicht viel am Hut habe, so finde ich gerade solche "Anekdoten der Handwerkskunst" immer wieder spannend und lehrreich!

 

Beste Grüße, Manfred

Mamagei(ge) Profilseite von Mamagei(ge), 18.07.2018, 14:16:50

Nikolaus Diehl gab es tatsächlich als Geigenbauer in Mainz / Darmstadt und die Jahreszahl würde auch passen. 

 

Stadtlexikon Darmstadt

 

Diehl Geige bei Kunst und Krempel

 

Neugierige Laienfrage an Norbert: Was macht dich so sicher, dass der Zettel eine Fälschung sein muss? Die gedruckte und handschriftlich ergänzte Jahreszahl? Die fehlende Nummerierung, die lt. dem Text in meinem zweiten Link bei seinen Instrumenten immer vorhanden war?

Neuester Beitrag Norbert_V Profilseite von Norbert_V, 18.07.2018, 22:11:22

Hallo Mamageige, ich sehe einfach keine Alters und Gebrauchsspuren, die auf ein Alter vom fast 170 Jahre hindeuten. Dann der vorgetäuschte Anschäfter. Der könnte allerdings noch später zugefügt worden sein. Aber eben das Alter stimmt nicht.

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