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Bassbalken

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AdmiralTegetthoff Profilseite von AdmiralTegetthoff, 13.02.2018, 13:57:55
Bassbalken

Liebe Freunde!

 

Ich lese nun schon seit geraumer Zeit in diesem wunderbaren Forum mit und konnte mir schon oft weiterhelfen.

Ich bin zum Leidwesen meiner Frau ein Sammler und finde immer wieder alte Geigen in bedauerlichen Zuständen. Meine Tochter ist glücklicherweise in der Lage darauf spielen zu können. Für mich ist das Arbeiten an den Geigen lediglich eine gelungene Möglichkeit um abzuschalten und Abstand zum Brotjob zu finden.  

 

Nun habe ich eine schöne alte 3/4 Geige aus den Mittenwald vor mir liegen welche im Jahr 1936 lt. Handschrift repariert wurde. Nach dem Öffnen der Geige ist mir gleich die gerade Form des Bassbalken aufgefallen. Dieser ist wie auf den Bilder ersichtlich 265mm lang durchgehend 6mm breit und 13,5 mm an der höchsten Stelle hoch. 1

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Soll ich diesen Balken nachträglich in die typische Bogenform bringen oder gleich den ganzen Balken austauschen. Der Balken ist sauber mit der Decke verleimt. Auch kann ich keinerlei Schwächen am Balken erkennen.

 

Und wie es das Gesetz der Serie so will habe ich eine zweite Decke wo der Basbalken aus der Decke herausgeschnitzt wurde. Bei dieser Decke einer böhmischen 4/4 Geige erscheint mir wenig Material am Balken zu sein um die Bässe wiedergeben zu können. Dieser Balken ist an der Basis rund 6mm Breit und ist spitz zulaufend, an der höchsten Stelle der Wölbung ist er nur ca. 10mm hoch Die Länge beträgt nur rund 258mm.

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Was meint ihr? Abhobeln und neuer Balken oder so belassen! 

Grüße aus dem tiefen Osten!

 

Werner

Norbert_V Profilseite von Norbert_V, 15.02.2018, 22:28:39

Hallo Werner,

auch ich repariere gerne alte, defekte Geigen und freue mich, wenn sie nachher wieder schön klingen. Zur Zeit bin ich gerade mit einer Geige mit Stimmriss beschäftigt.

Bisher habe ich immer versucht, die alte Substanz so weit wie möglich zu erhalten und nicht zu verschlimmbessern. Nach dem Lesen einiger Bücher, weiss ich, dass es nicht einfach, eine gut klingende Geige zu bauen. Die Decke hat einen großen Anteil daran. Der Geigenbauer muss die Decke nach dem Holz bauen. Das Holz gibt ihm vor, wie er die Decke ausarbeiten muss. Durch Klopfen (um den Resonanzton zu ermitteln) und durch leichtes Biegen (um die Steifigkeit zu bestimmen) arbeitet er sich an das Optimum heran.  Wenn man nun als doch mehr oder weniger Laie versucht dort etwas zu verändern, so kann dass den Klang einer Geige zerstören. Deshalb habe ich bisher von solchen Veränderungen die Finger gelassen. Der Bassbalken wird auch entsprechend angepasst. Die Stabilität und die Vorspannung beeinflussen schon erheblich die Schwingungseigenschaften der Decke.

Bei der oberen deiner Geigen würde ich auf keinen Fall Änderungen vornehmen. Der Bassbalken wird seiner Funktion als Stütze für den Stegfuß wohl schon ganz gut gerecht.

Bei der unteren bin ich mir allerdings auch nicht sicher, ob der noch seine Funktion hat. Andererseits wird kein Geigenbauer den Bassbalken ohne Grund so formen. Ich denke, die Decke war zu stabil und wenig schwingfähig und der Erbauer wollte durch die Schwächung des Bassbalkens dieses Ausgleichen.

Weist du, wie alt die untere Geige ist? Hat sie eine normale Mensur (325mm)?

 

Ich wünsche uns auf jeden Fall viel Freude mit diesen schönen Instrumenten.

Gruß Norbert

Neuester Beitrag AdmiralTegetthoff Profilseite von AdmiralTegetthoff, 17.02.2018, 08:53:26

Servus Norbert!
 
Ich war mit den beiden Decken bei einem befreundeten Geigenbauer in Wien. Dort hat sich meine Vermutung bestätig. Der Balken wurde bei der 3/4 Geige in den 30er Jahren getauscht und vermutlich aus Zeitgründen oder durch den Lehrling schlichtweg vergessen nachträglich anzupassen. Man hat mir die Form aufgezeichnet und ich konnte Sie gleich ausarbeiten. Durch abklopfen der Decke wurde das Resultat als für eine Schülergeige für gut befunden. Ich muss dazu sagen, dass der  Zustand der 3/4 Geige fürchterlich war. Irgendein Vorbesitzer muss versucht haben den Schmutz von der Decke mit Aceton oder dergl. zu beseitigen. Dazu kamen zahlreiche Risse und abgeschlagene Randteile, welche mittlerweile geleimt und angeschäftet wurden. Ich musste den Lack der Oberfläche mit der Ziehklinge entfernen und nachdem ich den Korpus wieder verschlossen habe wird Sie heute grundiert.
 
Die zweite Geige ist eine ungarische Zigeunergeige und wurde wohl in der kuk Zeit gefertigt. Dafür spricht, dass anstatt der üblichen Wirbel schmidtsche Wirbel angebracht wurden. Lt Geigenbauer haben die fahrenden Musiker vor dem Krieg diese gerne benutzt da die Geigen stabiler im Klang waren und schnell fein gestimmt werden konnten.  Der Geigenbauer hat mir empfohlen den Balken so zu lassen wie er ist. Ja die Mensur beträgt bereits 325mm.

Mir gefällt die Form außerordentlich gut. Ich muss nun für einen der Elfenbeinwirbelgriffe noch einen Ersatz finden da dieser über die Jahre abhanden gekommen ist. Ich hoffe bald mal auf einem Flohmark ein Stück Elfenbein von einem Löffel oder dgl. zu finden um ihn dann anzupassen.  Wünsche ein schönes Wochenende.

 

Gruß

Werner

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    Diebstahl Violoncello! Warnung vor dem Ankauf!

     

    Das gezeigte 4/4 Cello wurde über Ebay-Kleinanzeigen angeboten und von einem Interessenten nach einmonatiger Kommission bis Ende Januar weder bezahlt noch zurückgegeben und daher ist kein Eigentum an dem Instrument zu erwerben! Es wurde am 30.12.2017 in einem grauen Hardcase entwendet. Eine Betrugsanzeige läuft.

    Beschreibung:
    Solisteninstrument, hervorragender Zustand, orangebrauner dicker Lack, angeschäftete und ausgebuchste Schnecke, zweiteiliger Boden, waagrecht geflammt, sehr weitjähriges Deckenholz, Zargen teils wild geflammt, Schnecke ungeflammt. Saiten SPIROCORE Tungsten / LARSEN Solist. Bes. Merkmale: Bodenzäpfchen ersetzt mit ovalem Ansatz, Schnecke angeschäftet, kleine rötliche Lackschlieren am Boden, überaus modellierbarer Klang mit vielen Farben. Bodenlänge: 75,5 cm
    Mensur: 69,4 cm
    untere/mittlere/obere Breiten: 42,4 cm / 23,4 cm / 33,3 cm
    Zargenbreite inkl. Decke/Boden: 12,7 cm
    Bauort: Frankreich
    Baujahr: lt. Geigenbauer geschätzt um 1850, vielleicht natürlich auch später.

     

    Informationen über den Verbleib können über die Geigenbauwerkstatt Adam diebstahl@geigenbau.de an den Besitzer weitergeleitet werden.

     

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